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Suchterkrankungen als Bindungsstörungen

Sowohl in der Sucht- als auch in der Bindungsforschung wird immer stärker auf den Zusammenhang zwischen Abhängigkeitserkrankungen und zwischenmenschlichen Beziehungsverhalten verwiesen. Was in der Praxis der Suchtbehandlung weitgehend als bekannt gilt, konnte mittlerweile auch durch wissenschaftliche Untersuchungen substanziell belegt werden.

In unterschiedlichen Studien zeigte sich, dass eine unsichere Bindung in der frühen Kindheit, einen Risikofaktor für eine spätere Suchterkrankung bzw. psychische Erkrankungen darstellt, während eine sichere Bindung als Schutzfaktor angesehen werden kann (Flores, 2004; Fonagy & Bateman, 2006; Unterrainer et al., 2011). Grundsätzlich kann die Fähigkeit, Bindungen zu anderen Personen aufzubauen (entweder in der Rolle der Person, die Unterstützung und Trost sucht, oder der Person, die beides gibt) als grundlegendes Merkmal einer effektiv funktionierenden Persönlichkeit und psychischer Gesundheit betrachtet werden. Richtungsweisende Studien wurden dabei von John Bowlby und Mary Ainsworth durchgeführt (z. B. Bolwby, 1988a,b).

Unsichere und ängstliche Bindungstile stellen ein lebenslanges Handikap dar

Unsichere Bindungsstile, die gekennzeichnet sind durch Angst vor Nähe, sowie negative Modelle des Selbst und der Bindungsperson, behindern die Fähigkeit Zufriedenheit aus zwischenmenschlichen Beziehungen zu ziehen und tragen zu internen Arbeitsmodellen bei, die diese Schwierigkeiten aufrechterhalten. Diese inneren Modelle, die geprägt sind vom frühkindlichen phasen- und entwicklungsadäquaten Antwortverhalten der Bezugsperson, betreffen sowohl das Bild von Beziehungen als auch die kohäsive Selbstwahrnehmung. Bereits in den 40ern beschrieben die Anonymen Alkoholiker diese Bindungsproblematik indem sie überspitzt feststellten, dass Suchterkrankte keine Verbindungen im Sinne von Freundschaften oder Liebesbeziehungen eingehen, sondern dazu tendieren ihre Bezugspersonen einfach „in Geiselhaft zu nehmen.“ (vgl. Flores, 2004).

In Behandlung befindliche Suchterkrankte erkennen recht bald, dass die Beziehungen, die sie führen bzw. führten meist unbefriedigender und manipulativer Natur sind. Suchtspezifische Beziehungen kennzeichnen sich in den häufigsten Fällen durch Misstrauen, Enttäuschungen und Unbeständigkeit. Nicht selten zeigt sich, dass Suchterkrankte im Versuch nüchtern wieder Beziehungen zu erleben und zu gestalten mit großer Unsicherheit konfrontiert und Bindungskompetenzen meist schnell überschritten sind. Wurden die jeweiligen Substanzen ursprünglich genutzt genau diese Unsicherheiten im zwischenmenschlichen Kontakt zu kompensieren, so entwickelt sich im weiteren Verlauf der Suchterkrankung eine Dynamik, die diese Beziehungsproblematik noch weiter verstärkt (Grof, 1994).  Süchtiges Verhalten behindert somit enge Beziehungen bzw. Bindungsbeziehungen, in denen neue, möglicherweise positive Bindungserfahrungen gemacht werden könnten. Die Substanz wird zum Beziehungsersatz, die zumindest scheinbar Sicherheit gibt und entsprechende negative Affekte reguliert. Eben diese fehlende oder dysfunktionale Affektregulation stellt einen wesentlichen Faktor unsicherer Bindung dar. Unsichere Bindung geht oft mit der Erfahrung von Zurückweisungen in frühen kindlichen Entwicklungsstadien einher und im Weiteren mit der Angst vor neuerlicher Zurückweisung. Demnach kann der Suchtmittelkonsum als ein Versuch angesehen werden, negative Gefühle die in Beziehungssituationen entstehen und oftmals von Angst und Misstrauen geprägt sind, zu bewältigen Konzepte der Bindungstheorie gehen davon aus, dass Menschen ihre Gefühle nicht selbst regulieren können, sondern dass die Emotionsregulierung auf zwischenmenschlicher Ebene passiert. Da im Suchtfeld eben solche nahen, emotionsregulierenden Beziehungen meist fehlen, mag die Substanz dem Suchtkranken als Mediator dienen. Der Substanzmissbrauch stellt insofern die Konsequenz der geschädigten Fähigkeit zu gesunden Beziehungen dar (Flores, 2001, 2004)..

Korrigierende Beziehungserfahrungen durch Kontakt im „Hier und Jetzt“ in der Gemeinschaft

Das Ziel der Suchtbehandlung besteht im Sinne der bindungsorientierten Perspektive darin, das Bedürfnis nach Substanzen wieder in ein Bedürfnis nach Menschen umzuwandeln, um im zwischenmenschlichen Kontakt wieder substanzunabhängige Affektregulationskompetenzen zu aktivieren. Dabei ist zu beachten, dass Menschen mit frühkindlichen Entwicklungsstörungen, nicht nur in ihrem Beziehungsverhalten beeinflusst sein können, sondern auch oft von psychischen Erkrankungen und Traumata betroffen sind, wobei auch hier davon ausgegangen wird, dass entsprechende Substanzen zur Affektregulation im Sinne einer Selbstmedikation eingesetzt werden. (z.B. Kokain gegen Angstgefühle; vgl. Khantzian, 1997).

Geborgenheit durch verlässliche Beziehungen und sichere Bindung

Es gilt nicht zu vergessen, dass auch wenn kindliche Bindungserfahrungen wesentlich für das Beziehungsverhalten im Erwachsenenalter sind, das Bedürfnis nach Bindung und Bezugspersonen lebenslang aufrecht ist und sich nicht nur auf spezifische Lebensphasen bezieht. In Hinblick auf die Betonung von Eigenständigkeit und Individualisierung in unserer heutigen Gesellschaft, wird das Erleben von Verbundenheit und Nähe mit anderen Menschen augenscheinlich bedeutsamer. Genau diese „neuen Erfahrungen“ (auch durch eine Vermittlung eines Gefühls von Geborgenheit) sollen in der Suchtbehandlung in Gemeinschaften gemacht werden, um Wege aus Isolation und Einsamkeit zu finden und wieder aus gesunden zwischenmenschlichen Beziehungen profitieren zu können.

 

Literatur:

Bowlby, J. (1988a). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. New York: Basic Books.

Bowlby, J. (1988b). A secure base: Clinical applications of attachment theory. London: Routledge.

De Leon, G. (2000). The Therapeutic Community: Theory, Model, and Method. New York: Springer.

Flores, P. J. (2001). Addiction as an attachment disorder: implications for group therapy. International Journal Group Psychotherapy, 51(1), 63-81.

Flores, P. J. (2004). Addiction as an Attachment Disorder. Maryland: Jason Aronson Inc. Publishers.

Fonagy, P., & Bateman A. W. (2006). Mechanisms of change in mentalization-based treatment of BPD. Journal of Clinical Psychology, 62(4), 411-430.

Grof, C. (1994). The Thirst for Wholeness: Attachment, Addiction, and the Spiritual Path. New York: HarperCollins Paperback.

Khantzian, E.J. (1997). The self-medication hypothesis of substance use disorders: a reconsideration and recent applications. Harvard Review of Psychiatry, 4(5), 231-244.

Rost, W.-D. (2001). Psychoanalyse des Alkoholismus. Theorie, Diagnostik, Behandlung. Konzepte der Humanwissenschaften. Stuttgart: Klett-Cotta.

Unterrainer, H. F., Chen, M. J.-L., & Gruzelier, J. H. (2011). EEG-Neurofeedback and Psychodynamic Psychotherapy in Adolescent Anhedonia with Substance Misuse: A Single Case Study. SAN-Meeting, 2011, Greece, Oral presentation.

 

Überarbeitete Version von Anita Rinner & Human-Friedrich Unterrainer (publiziert in Sucht: Grüner Kreis Magazin, 77)