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Datum der Veröffentlichung: 
2010/11

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Einleitung: Religiosität und Spiritualität stellen ein aufstrebendes Forschungsgebiet der Psychiatrie und klinischen Psychologie dar. Allgemein ist dabei ein Trend weg von der reinen Pathologisierung religiös/spiritueller Inhalte („ekklesiogene Neurose“) hin zu einer differenzierteren Auseinandersetzung zu bemerken. Relevante Effekte von Religiosität und Spiritualität auf den Krankheitsverlauf werden auch für den psychiatrischen Raum berichtet. Eine abschließende Bewertung der Zusammenhangsstruktur von religiös/spirituellem Befinden und psychiatrischer Erkrankung steht allerdings noch aus. Hauptsächliches Anliegen dieser Untersuchung ist es, religiös/spirituelles Befinden von psychiatrischen Patienten genauer zu charakterisieren bzw. salutogene und pathogene Aspekte religiös/spiritueller Inhalte im Verlauf eines stationär-psychiatrischen Aufenthalts herauszuarbeiten.

Methode und Materialen: Insgesamt wurden 200 allgemein-psychiatrische stationär untergebrachte Patienten (nach einer Phase der Stabilisierung) untersucht. Ein Teil der Stichprobe (N=50) konnte auch zu einem zweiten Messzeitpunkt (Therapieende) befragt werden. Religiös-spirituelles Befinden wurde dabei in multidimensionaler Weise (MI-RSB) erfasst und zu verschiedenen Parametern psychischer Gesundheit und Erkrankung in Beziehung gesetzt. Auch wurden die Patienten vom behandelnden Psychiater hinsichtlich Ihrer Befindlichkeit eingeschätzt. Diese Daten konnten zu einer non-klinischen Stichprobe (N=1210) teilweise in Beziehung gesetzt werden.   

Ergebnisse: Allgemein wurde der negative Zusammenhang von Religiös/spirituellem Befinden und der Schwere der ängstlich/depressiven Symptomatik bestätigt. Schuld/angstbesetzte Gottesbilder vermengen sich aber mit dem allgemeinen Ausdruck der Erkrankung, vor allem bei hochreligiösen Patienten. Psychiatrische Patienten unterscheiden sich sowohl was die Inhalte, als auch die Struktur ihres Glaubens betrifft von gesunden Vergleichsgruppen. Das Ausmaß religiös/spirituellen Befindens veränderte sich nicht vom ersten zum zweiten Messzeitpunkt. Auch ergab sich kein wesentlicher Einfluss auf den Krankheitsverlauf.

Diskussion und Ausblick: Vorangegangene Ergebnisse konnten durch diese Untersuchung bestätigt werden. Es zeigten sich relevante Zusammenhänge zwischen dem religiös/spirituellen Befinden und psychischer Erkrankung. Salutogene als auch pathogene Glaubensformen sind somit zu berücksichtigen. Auch müssen Dimensionen wie Religiosität und Spiritualität in direkter Weise adressiert werden, um eine Veränderung herbeizuführen. Mögliche Nachfolgeuntersuchungen könnten die Durchführung/Evaluierung religiös/spiritueller Interventionsprogramme fokussieren.

Art der Publikation: 
Präsentation