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Datum der Veröffentlichung: 
2011/03

Süchtiges Verhalten entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen Person, Substanz und Gesellschaft. Frauen unterscheiden sich von Männern im Hinblick auf Suchtentstehung, Ausprägung und Verlauf. Der Alltag während der Suchtphase ist ebenso verschieden wie die Faktoren, die sie zum Ausstieg motivieren. Besonders schwerwiegend ist, dass bei suchtkranken Frauen häufig traumatische Lebensereignisse, sexualisierte Gewalterfahrungen sowie eine Kopplung von Sucht- und Gewalterfahrungen vorliegen. Ebenso zeigen sich Unterschiede in der Bedeutung sozialer Netzwerke für die Identität und für Unterstützungsmöglichkeiten. Frauen sorgen vielfach für andere, bekommen selbst aber wenig Rückhalt. Im Gegensatz zu sucht- bzw. alkoholkranken Männern, die oft mit nichtabhängigen und sie unterstützenden Partnerinnen leben, haben suchtkranke Frauen meist gar keinen oder einen ebenfalls abhängigen Partner. Der Einstieg in den Konsum vor allem von harten illegalen Drogen erfolgt meist über männliche Freunde oder den Partner. Suchtkranke Frauen weisen häufig ein Selbstbild innerer Abwertung auf, geprägt durch die gesellschaftliche Entwertung weiblicher Zuschreibungen. Mit dieser Abwertung begegnen sie anderen Frauen und sehen diese vorwiegend als Rivalinnen und Konkurrentinnen. Viele abhängige vor allem alkoholkranke Frauen haben ihre Sucht im Stillen gelebt und ihr Suchtproblem über lange Zeit scheinbar „im Griff“ gehabt, was oftmals erst nach einer langen verdeckten Abhängigkeitszeit aufbricht. Um Frauen frauengerechte Behandlungszugänge und Konzepte zu gewähren, muss eine Bewusstheit über die gesellschaftlichen Lebensumstände von Frauen, die speziellen Problemlagen und ihre Motive im Verhältnis Drogen und Sucht vorhanden sein. Ziel in der Arbeit mit Frauen ist es, dem Übermaß an Anpassungsbereitschaft das Lernen von Abgrenzungsmöglichkeiten gegenüberzustellen, die Konfliktbereitschaft der Frauen zu erhöhen und direkte Formen der Auseinandersetzung einzuüben. Desweiteren sollen die Ich-Identität sowie vorhandene Ressourcen gestärkt und Raum für die Beschäftigung mit scham- und schuldbesetzten Themen geboten werden. Ebenfalls stellt das Erfahren von Unterstützung und Solidarität durch andere Frauen einen wesentlichen Bestandteil in der Behandlung von suchtkranken Frauen dar. Notwendigkeit bzw. Voraussetzung dafür ist die Behandlung von Frauen für Frauen in einer geschützten Atmosphäre. So muss einerseits genügend Schon- und Schutzraum mit der zeitlich begrenzten Absenz vom anderen Geschlecht geboten werden, andererseits Möglichkeiten eröffnet werden, um eigenständige und selbstverantwortliche Erfahrungen zu machen sowie vorhandene Potenziale und Ressourcen zu entwickeln und zu fördern. Diese Aspekte, vereint mit den Erfahrungen, Wahrnehmungen und Beobachtungen, die in der täglichen therapeutischen Arbeit mit den Frauen gemacht werden, sollen durch bedarfsgerechtere Verbesserung der Behandlungsstrategien ein optimales Angebot in der effizienten und erfolgreichen Suchtarbeit mit Frauen bieten. Dieser Workshop beschäftigt sich mit den Besonderheiten suchtkranker Frauen und soll Gelegenheit bieten, frauenspezifische Suchttherapie in ihren Facetten zu beleuchten und weiterzuentwickeln.

Art der Publikation: 
Vortrag