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Datum der Veröffentlichung: 
2012/11

In „Spiritus contra Spiritum“ (sinngemäß: der „Heilige Geist“ gegen den „Geist im Alkohol“) finden der Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung und Bill Wilson, Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker, eine gemeinsame Formel zur Suchtbekämpfung: Demnach kann nur einer von beiden dem Menschen inne wohnen bzw. „treibt der eine den anderen gleichsam aus“ (Briefwechsel Jung/Wilson, 1961). Auch lässt sich historisch betrachtet schon bei William James (1902) die Einschätzung finden, dass die vollständige Heilung einer Suchterkrankung insbesondere durch „leidenschaftliche Religiosität“ geschehen kann. Tatsächlich ist dieser etwas malerisch anmutenden Formulierung auch bei Einbeziehung neuerer klinischer Erkenntnisse ein tieferer Wahrheitsgehalt nicht abzusprechen. Sucht als fehlgeleitete Suche nach Transzendenz zu begreifen, macht aus klinisch-therapeutischer Perspektive Sinn und wurde durch die empirische Forschung bestätigt.

„What do we already know about Spirituality and Addiction?“ fragen sich Miller und Bogenschutz (2007) und berichten einen gut gesicherten negativen Zusammenhang zwischen Religiosität bzw. Spiritualität (R/S) und Substanzmissbrauch bzw. Abhängigkeit. Das Missbrauchsrisiko wird dabei umso geringer, je strikter die Vorschriften des Glaubenssystems gehalten sind. Dieser Zusammenhang scheint gut gesichert: Einer Metaanalyse entsprechend, wurden bis ins Jahr 2007 rund 1353 Arbeiten zur Thematik „Spiritualität und Sucht“ publiziert (Geppart, Bogenschutz & Miller, 2007). Eine hohe Relevanz von R/S ergibt sich dabei für die Bereiche der Suchtentstehung, der Therapie und der Nachsorge. Einer Auseinandersetzung mit Inhalten traditioneller, konfessioneller Glaubenssysteme als auch mit neuen, non-konfessionellen Ansätzen mag dabei in gleicher Weise Bedeutung zukommen.

In einer eigenen Arbeit wurden in den Jahren 2004 bis 2009 insgesamt knapp 400 Suchtkranke in stationärer Langzeittherapie hinsichtlich ihrer spirituellen Bedürfnisse mittels des „Multidimensionalen Inventars zum Religiös/Spirituellen Befinden“ befragt (Unterrainer et al., 2010a; Unterrainer et al., in press). Suchtkranke (Alkohol und Drogen) zeigten dabei in Dimensionen wie „Allgemeine Religiosität“, „Hoffnung“ oder „Vergeben können“ deutlich niedrigere Werte als gesunde Vergleichspersonen. Allerdings ergab sich auch ein vergleichsweise erhöhtes Ausmaß des Gefühls der „Allverbundenheit“ an eine höhere Macht unter den Suchtkranken. Basierend auf diesen Ergebnissen bzw. unter Einbeziehung der Erkenntnisse bereits bestehender Konzepte zur Behandlung von Abhängigkeit (z. B. 12-Schrittegruppen wie die Anonymen Alkoholiker; Galanter & Kaskutas, 2008) können Möglichkeiten und Grenzen der Integration religiös/spiritueller Inhalte in ambulante als auch stationäre Behandlungssettings diskutiert werden.

Art der Publikation: 
Vortrag