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Pathologisches Glücksspiel« besteht in häufig wiederholtem episodenhaftem Glu¨cksspiel, das die Lebensfu¨hrung der betroffenen Person beherrscht und zum Verfall der sozialen, beruflichen, materiellen und familiären Werte und Verpflichtungen fu¨hrt.“ (WHO,1992)

Archäologische Funde zeigen, dass das Glücksspiel bereits vor 5000 Jahren in Form von Würfelspielen üblich war. Wegen der Gefahren, die das Glücksspiel mit sich brachte, war die Einstellung zu ihm immer wieder zwiespältig. Das Glücksspiel war in seiner Geschichte wiederholt Beschränkungen, Verboten und Sanktionen unterworfen. Heute zählt es zu den größten Wirtschaftszweigen in Europa. Im Jahre 2002 lagen die Steuereinnahmen aus dem Glücksspiel für Deutschland höher als die Alkoholsteuern (Meyer 2003). In Österreich hat im Jahre 2010 alleine die Casinos Austria Gruppe einen Umsatz von 3,188 Milliarden Euro erwirtschaftet. 546,3 Millionen Euro, 46 Prozent des sogenannten Bruttospielertrags, so die WKO, werde an Steuern und Abgaben an den Staat abgeführt. Dies bedeute rein rechnerisch, dass die Unternehmensgruppe Tag für Tag 1,4 Millionen Euro beim österreichischen Finanzminister abliefert. Das Glücksspielen steht seit jeher im Spannungsfeld der Wahrnehmung als ein Unterhaltungs- und Freizeitvergnügen einerseits und als ein psychisch, sozial und finanziell ruinöses Verhalten andererseits. Die Entgleisung in ein suchtartiges Verhalten bzw. in das »pathologische Spielen ist ein altes Phänomen. Als solches ist es verbreitetes Motiv in Literatur und Film. Eine literarische Verarbeitung findet sich z.B. auch in Dostojewskijs Roman "Der Spieler" aus dem Jahre 1866. Bis zu seiner Anerkennung als psychische Störung musste jedoch viel Zeit vergehen. Das »pathologische Spielen« wird erstmals 1980 in das DSM (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) der American Psychiatric Association aufgenommen – und erst im Jahr 1991 findet sich das pathologische Spielen im ICD (Internationalen Klassifikation Psychischer Störungen) der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Heute ist das »pathologische Spielen nicht nur die best beschriebene Form der sogenannten substanzungebundenen Süchte bzw. Verhaltenssucht sondern auch die einzig explizit als Erkrankung anerkannte Phänomenen wie der Internet-, Kauf-, Sport- oder der Arbeitssucht ist dies bisher nicht gelungen. Dennoch: auch das »pathologische Glücksspiel« wird in den genannten Klassifikationssystemen nicht als »Abhängigkeit«, sondern als »Störungen der Impulskontrolle« klassifiziert. Im Mai 2011 wurde die erste »Österreichischen Studie zur Prävention der Glücksspielsucht« präsentiert. Die Untersuchung vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS) kommt zum Ergebnis, dass 0,4 % aller Befragten ein problematisches und 0,7 % ein pathologisches Spielverhalten aufweisen. Das entspricht etwa 64.000 Personen in Österreich. Das größte Gefährdungspotential der in Österreich angebotenen Glücksspiele, so die Studie, besitzen die Glücksspielautomaten, gefolgt von Sportwetten und mit deutlichem Abstand die klassischen Casinospiele. Dieses Bild entspricht auch anderen internationalen Studien. Ebenso ist von einer überdurchschnittlich hohen Prävalenzrate bei 18- bis 35-jährigen, bei Personen mit Pflichtschulabschluss, bei Arbeitslosen, bei gering Verdienenden (Einkommen unter 1.500 €) und bei SpielerInnen mit häufiger Spielteilnahme und hohem Geldeinsatz die Rede. Zudem, so die Studie, wiesen Personen mit Migrationshintergrund sowie Befragte, in deren Familien aktuell glücksspielbezogene Probleme bestehen, ein erhöhtes Risiko auf, selbst Spielprobleme zu entwickeln. Dies zeigt Handlungsbedarf. Verschiedenste Studien weisen auch auf die hohen Komorbiditätsraten zwischen pathologischen Glücksspiel und Alkoholabhängigkeit (28-73%), Persönlichkeitsstörungen (87-93%), Angststörungen (38%) Affektive Störungen (13%-78%) und Depression (21-75%) hin. Wie sieht der Verlauf dieser Erkrankung aus? Es ist ein jahrelanger, durchschnittlich 6 Jahre andauernder Prozess. Im Anfangsstadium stehen meist Gewinne und positive Erfahrungen im Vordergrund. Diese Gewinne werden tendenziell nicht auf den Zufall, sondern auf die eigene Fähigkeit und Geschicklichkeit zurückgeführt. Dies hat erregende, euphorisierende und selbstwertsteigernde Wirkung. Die Gewinnphase geht mit einem gesteigerten Selbstwertgefühl, mit unrealistischem Optimismus, magischen Fantasien über die eigene Kontrolle des Spiels und über große Gewinne einher. In der kritischen Phase – auch als »Gewöhnungsstadium« bezeichnet – wird der Spieler risikofreudiger und verliert zunehmend. Das Glücksspiel beginnt das Denken zu beherrschen und wird für die Betroffenen immer wichtiger. Berufliche und soziale Konflikte sind die Folge. Die Betroffenen beginnen den Verlusten hinterher zu jagen, immer höhere Einsätze zu riskieren und länger zu spielen. Verschleierung und Verleugnung der Verluste werden häufig. Die Abstinenz ist hier aber noch möglich. Schließlich – im Suchtstadium oder in der Phase der Verzweiflung – werden Probleme »weggespielt«. Das Glücksspiel wird selbst zur Problemlösungsstrategie. Versuche das Spiel einzuschränken, zu kontrollieren oder aufzugeben bleiben erfolglos. Das Glücksspiel wird zur existenziellen Not. Im Übrigen: 2006 betrug das durchschnittliche Monatsnettoeinkommen von hilfesuchenden Glücksspiel-KlientInnen der Wiener Spielsuchthilfe 1.349,- €. Die durchschnittlichen Spielschulden betrugen 47.563,- €. Das Bewusstsein für die existenzielle Not von Betroffenen und deren Angehörige nimmt heute zu. Einrichtungen, die Unterstützung in Form von Therapie und Beratung anbieten, gewinnen an Bedeutung. Zur Stärkung des Spielerschutzes wurde in diesem Jahr im Bundesministerium für Finanzen auch eine Suchtpräventionsstelle eingerichtet. Sie stellt sich u.a. die Aufgabe, die Wirksamkeit von Spielerschutzmaßnahmen zu evaluieren, eine bessere Datenlage zur Behandlung und Beratung zu schaffen, Suchtforschung im Bereich Glücksspiel zu fördern und eine österreichweite Aufklärungs- und Informationskampagne zur Glücksspielsucht zu planen. – Arbeiten wir daran, dass der Spielerschutz in unserem Land an Bedeutung gewinnt und bedenken wir, dass in Österreich mit den 64.000 Glücksspielern auch zigtausende Angehörige massiv betroffen sind. Bevor etwas in die Sucht führt, zieht es uns in seinen Bann. Es fesselt uns. Die erstmals 1995 scherzhaft als »Internet-Addiction« bezeichnete Beschreibung einer überintensiven Beschäftigung mit dem Internet, hat sich mittlerweile mehr und mehr zu einem Problem entwickelt. Derzeit gelten in Österreich 3% der täglichen InternetbenutzerInnen, etwa 60.000 Personen, als internetsüchtig. Dies ist ein Phänomen, das viele Menschen bewegt und wenige unberührt lässt. Warum ist das so? Vielleicht liegt es daran, dass das Internet - als scheinbar potentielles »Suchtmittel« - heute »konsumiert« werden muss und in fast jedem Haushalt und jedem Büroalltag zu finden ist. Dieses »Suchtmittel« betrifft ein Verhalten (die Internetnutzung), das aus dem Alltag scheinbar nicht mehr wegzudenken ist. – Das hat auch Folgen für die Therapie. Was aber meint man eigentlich, wenn man von Internetsucht spricht? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da das Internet selbst ganz unterschiedliche Inhalte und Dimensionen aufweist. Abgesehen davon, dass der Begriff »Internetsucht« für sich genommen wenig präzise ist, ist er eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl an internetbezogener suchtartiger Verhaltensweisen: suchtartige Nutzung von Online-Pornografie, Online-Glücksspielen, Chats, Computerspielen, Online-Communities, Online-Recherche oder Onlineshopping. Jede dieser Varianten hat ihr eigenes Suchtpotenzial.

Ein Problem der aktuellen Fachliteratur ist, dass in vielen epidemiologischen Untersuchungen das globale Phänomen der Internetsucht beforscht wurde, ohne Differenzierung hinsichtlich dieser verschiedenen Varianten vorzunehmen. Dies bleibt auch nicht ohne Auswirkungen für die Entwicklung zielgenauer psychotherapeutischer Interventionsmethoden. Nach Gabriel Farke von der »Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht« haben wir es bei der Internetsucht mit drei Bereichen zu tun, in denen jeweils andere Gruppen auffällig sind: So treffe der Bereich Chat und Kommunikation auf ca. 20 % der Internetsüchtigen zu. Häufig betroffen seien hier Mädchen und Frauen ab 30 Jahren. Der Bereich des Computerspielens, so Farke, treffe auf ca. 30 % der Internetsüchtigen zu. Häufig betroffen seien hier Jungen von 12 Jahren bis 23 Jahren. Die Online-Sexsucht, so Gabriele Farke, treffe auf mindestens 50% der Gesamt-Betroffenen zu. Bei den Onlinesexsüchtigen handle es sich bei etwa zwei Drittel um junge Männer im Alter von 18 – 29 Jahren. Aber auch Familienväter und Singles im Alter von 30 – 60 Jahren seien betroffen. Schätzungen anderer Experten wiederum sehen die Probleme vorrangig im Bereich der Anwendungen zu Chatrooms und Kommunikation lokalisiert. Knapp 2/3 alle Internetsüchtigen fänden sich demnach im Kommunikationsbereich und 1/3 im Bereich der Online-Spiele. Wir sehen hier beispielhaft: die Schätzungen gehen sehr auseinander. Der Forschungsstand zur Internetsucht bedarf in weiten Teilen einer konsequenten Vertiefung und Differenzierung. Die Schwierigkeit hinsichtlich einer korrekten Klassifikation und Diagnostik zeigt sich auch darin, dass es in den internationalen Klassifikationssystemen psychischer Störungen bislang keine Anerkennung als eigenständiges Störungsbild gefunden hat. Internetsucht führt auf Grund zahlreicher nachhaltiger negativer Konsequenzen zu einem erheblichen Leidensdruck: soziale Vereinsamung, Leistungseinbußen, die eine vorzeitige Beendigung der schulischen Laufbahn bzw. der beruflichen Karriere bedingen können, gesundheitliche Einschnitte und psychosoziale Konfliktherde. Das spezifisch suchtartige Verhalten zeigt sich in einem unwiderstehlichen Verlangen, online zu sein, in verminderter Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Dauer des Onlineseins, in Entzugserscheinungen (Nervosität, Unruhe, Schlafstörungen) bei verhindertem Verhalten, in Toleranzentwicklung (Steigerung der Häufigkeit oder Intensität/Dauer des Onlineseins) und fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen.

Das Phänomen, sich im Internet »zu verlieren«, ist oft das Ergebnis einer dysfunktionalen Problemlösungsstrategie oder einer Art Selbstmedikation. So zeigt sich beispielsweise, dass Kinder mit krankhaftem Computerspielverhalten häufig mit ihrer Lebenssituation überfordert sind und über weniger Strategien zur Bewältigung ihres Alltags verfügen als unauffällige NutzerInnen und NichtspielerInnen. Dies trifft auch auf Erwachsene zu. Für viele Abhängige stellt das Onlinesein eine Art Bewältigungsstrategie oder eine Fluchtmöglichkeit vor Problemen in ihrem wirklichen Leben dar. Betroffene erfahren, dass sie durch ihr exzessives Verhalten schnell und effektiv Gefühle im Zusammenhang mit Frustrationen, Unsicherheiten und Ängsten regulieren bzw. verdrängen und Stress bewältigen können. Das Internet mit seinen vielfältigen Angeboten wird so zu einem Zufluchtsort vor realen Problemen. Ähnlich dem Kreislauf der Suchtspirale bei substanzgebundenen Abhängigkeiten beginnend mit Genuss/Konsum über Missbrauch, Gewöhnung bis hin zur Sucht, erwächst die »Abhängigkeit vom Internet« zunächst aus einer natürlichen und unbedenklichen Freude oder Anspannung und kann – bei Missbrauch – von der Funktion einer Prothese zu einem »Zufluchtsort« werden. In der Prävention ist viel zu tun. Das Erlernen von Medienkompetenz (auch für Lehrer und Eltern) ist wichtig – aber auch die Kompetenz mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen umzugehen und sensibel auf für das eigene Suchtpotential zu sein. Die Förderung von Lebenskompetenzen (Life Skills) ist, wie in der Suchtprävention im Allgemeinen, auch hier ein ganz wichtiges Anliegen. Ein Fehler und kontraproduktiv wäre es, das Internet grundsätzlich zu verteufeln. Jugendliche müssen lernen, mit Medien umzugehen. Und das Internet darf und kann einfach auch Spaß machen. Ganz wichtig aber ist: sich informieren, keine Scheu zu haben, sich beraten zu lassen und Hilfe zu suchen. Je früher desto besser.

 

Verfasst von Dr. Dominik Batthyany und bereits publiziert in Sucht: Das Grüner Kreis Magazin, 80