Religiosität und Spiritualität im Krankheitsprozess

Wellness – Esoterik – Religion: Dieser Sammelband analysiert die Sehnsucht des Menschen nach Heil im aktuellen Spannungsfeld von Wellness-Kultur, esoterischer Heilserwatung und religiösen Heilsversprechen. Kann die christliche Religion zum Heilsein des Menschen beitragen? Und was bedeutet Heil, wenn die moderne Medizin nicht mehr weiter weiß? Die Autorinnen und Autoren der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz stellen diese Fragen aus ihrem jeweiligen fachlichen Blickwinkel.

Religiös-spirituelles Befinden im Kontext seelischer Gesundheit und Krankheitsverarbeitung: Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojekts

Eine der überraschenden Entwicklungen in der Klinischen Psychologie und der Medizin der letzten Jahre liegt im steigenden Interesse an empirischen Untersuchungen des religiös-spirituellen Erlebens und Verhaltens. In einer 2005 in interdisziplinärer Zusammenarbeit von Pastoralpsychologie, Pastoraltheologie und Klinischer Psychologie erstellten Studie konnte ein Mehrdimensionales Inventar zum religiös-spirituellen Befinden (MI-RSB 48) im Kontext körperlicher und psychischer Gesundheit und Krankheit entwickelt werden.

Spiritualität & Sucht: Struktur und Inhalt der Gottesbeziehung von Abhängigen im Vergleich zu allgemein-psychiatrischen Patienten und gesunden Kontrollpersonen

Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts wurde der Fragestellung nachgegangen, in welchem Zusammenhang Religiosität und Spiritualität zum Krankheitserleben bei psychiatrischen Patienten stehen. Es wurden 120 Suchtpatienten und 100 allgemeinpsychiatrische Patienten getestet. Auch wurden 200 nonklinische Probanden befragt.

Spiritualität und Sucht: Gottesbeziehung von Abhängigen im Vergleich zu allgemein-psychiatrischen Patienten

In „Spiritus contra Spiritum“ (sinngemäß: der „Heilige Geist“ gegen den „Geist im Alkohol“) finden der Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung und Bill Wilson, Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker, eine gemeinsame Formel zur Suchtbekämpfung: Demnach kann nur einer von beiden dem Menschen inne wohnen bzw. „treibt der eine den anderen gleichsam aus“ (Briefwechsel Jung/Wilson, 1961). Auch lässt sich historisch betrachtet schon bei William James (1902) die Einschätzung finden, dass die vollständige Heilung einer Suchterkrankung insbesondere durch „leidenschaftliche Religiosität“ geschehen kann.

Die Relevanz religionspsychologischer Ergebnisse für die Pastoralpsychologie: Zusammenfassende Darstellung eines interdisziplinären Forschungsprojekts.

"In der Seelsorge sollen nicht nur die theologischen Prinzipien, sondern auch die Ergebnisse der profanen Wissenschaften, vor allem der Psychologie und der Soziologie, wirklich beachtet und angewendet werden..." (Gaudium et spes Nr. 62). Die Praktische Theologie hat diese Forderung des II. Vatikanischen Konzils vielfältig aufgegriffen, nicht zuletzt in der Etablierung des Faches Pastoralpsychologie. Dieses kann inzwischen auf eine mehrere Jahrzehnte lange Geschichte zurückblicken - Zeit also für einen differenzierten Blick auf vergangene Entwicklungen und mögliche Perspektiven.

Religion und Suchterkrankungen

In vielen religiösen Traditionen wird ein enger Zusammenhang zwischen dem verkündeten religiösen Heil und konkreten Erfahrungen von Heilung an Leib und Seele im Hier und Jetzt gesehen. Gegenüber religiösen und spirituellen Überzeugungen als Ressource für die Gesundheit bestanden innerhalb der Gesundheitsforschung, in Medizin wie Psychologie, hingegen lange Zeit massive Zweifel. Seit den 1990er Jahren ist jedoch ein explosionsartiger Anstieg der Forschung zu Religion und Gesundheit besonders in den USA zu verzeichnen.

Spiritualität & Sucht: Glaube als Ressource in der Alkoholismustherapie

Religiosität und Spiritualität stellen trotz eines Aufschwungs des Forschungsinteresses von Seiten der empirischen Psychologie noch immer ein Randgebiet im klinisch-psychiatrischen Feld dar. Die Sinnhaftigkeit der Integration von Spiritualität in die Therapie des Alkoholismus, als einer der häufigsten psychischen Erkrankungen, erscheint vor allem durch die Erfolge der Anonymen AlkoholikerInnen bestätigt. Wenig empirisches Datenmaterial wurde allerdings gesammelt, um die stützende Funktion religiös-spiritueller Inhalte im Erleben der Betroffenen wissenschaftlich zu evaluieren.

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